Jerusalem, Wahnsinn live
Ich weiß nicht genau warum, aber irgendwie lande ich bei jedem Urlaub in Israel auch in Jerusalem, selbst wenn ich mir ganz fest vornehme nicht dorthin zu fahren.
So auch wieder in diesem Jahr geschehen. Zum Glück kann ich diesmal die Schuld an meinem Aufenthalt in dieser unheiligen Stadt getrost auf meinen Mann schieben, der dort unbedingt hin und - entgegen meinem Leidenschaftlichen Einwand - auch noch im Österreichischen Hospiz (eine an der Via Dolorosa *schauder* gelegene Sammelstätte christlicher Wahnsinniger Pilger) übernachten wollte. Persönlich wäre ich lieber im New Imperial abgestiegen, ein kleines mit Bildern und Teppichen zugehängtes, ehemaliges Grand Hotel, in dem schon Persönlichkeiten wie Selma Lagerlöf, General Allenby und gar Wilhelm II. gewohnt haben.
Aber nein, es musste Sachertorte mit Pilgern sein, eingequetscht zwischen einer armenischen Kirche, einer Moschee und einer Synagoge (inkl.
Als Entschädigung für das Fehlen des Wasserkochers (eigentlich eine Standardeinrichtung in israelischen Unterkünften) bekommt man jeden Morgen einen recht frühen Weckruf durch den Muezzin, den man dank Lautsprecher, der direkt auf das offene Fenster des nüchtern eingerichteten Schlafraumes gerichtet ist, nicht überhören kann (selbst wenn man tief schläft).
Hat man es dann geschafft diese Lärmbelästigung durchzustehen, kann man sich kurze Zeit später an dem morgentlichen Geläut der Kirche nebenan erfreuen. Glücklicherweise läuten die Glocken nur kurz, aber auch nur, um den ersten Pilgerströmen auf der Via Dolorosa die Gelegenheit zu geben, mit ihren fröhlichen Gesängen und geschulterten Kreuzen den ach so authentischen Leidensweg ihres angeblichen Messias zu folgen.
Meine Laune war nach der ersten Nacht im Keller und die Aussicht, dass ich noch zwei weitere Nächte durchhalten musste, trug nicht wirklich zur Hebung meiner Stimmung bei (lediglich der Kauf eines kleinen Wasserkochers für 30₪ und ein Abendessen in der Neustadt konnte das).
Wenn man sich dann aufraffen kann und durch die Horden gläubiger Menschen durchquetscht bzw. diese versucht zu ignorieren (was sehr schwer fällt, wenn sie sich ständig auf den Boden werfen, beten oder dieses dämliche Grinsen auf dem Gesicht haben), kann auch die Altstadt neben göttlichen Heimstätten (oder was dafür verkauft wird) einiges bieten (allerdings auch meist im Zusammenhang mit irgendeiner Religion). So ist in jedem Fall auch ein Besuch der David Stadt (עיר דוד), dem angeblich ersten Siedlungsgebiet der Stadt, zu empfehlen. Da kann man dann durch den ca. 3000 Jahre alten Hezekiah-Tunnels waten (533m lang, bis 70cm Wassetiefe, stockfinster), in dem das Wasser der Gihonquelle in den Shiloach-Teich geleitet wird. Oder man besichtigt die Davids Zitadelle/Turm (מגדל דוד) am Yafo-Tor mit einigen Überresten aus der Zeit des ersten Tempels.
Und schließlich, wenn man gar keine Lust mehr auf Verrückte hat, keine Souvenirs, kitschigste Heiligenbildchen, leuchtende Rosenkränze, “original” Dornenkronen, Menorahs oder geschmacklose Judaica und dergleichen kaufen möchte, lohnt sicherlich auch ein Ausflug in die Neustadt, um das modernere Jerusalem zu besichtigen: Knesset, Israel Museum, Rockefeller Museum und - fast Pflicht - Yad VaShem.
Und um wirklich Abstand von dem ganzen Religionszirkus zu bekommen, kann ich nur einen Besuch im wohl unkoschersten Café-Restaurant in ganz Jerusalem empfehlen, dem Riff-Raff.
Hier bekommt der gestresste Atheist - der bald nicht mehr weiß, ob man nun eine oder keine Kippa tragen, sich seiner Schuhe entledigen/ nicht entledigen muss/darf, um irgendwo reinzukommen - auch ein Schweinesteak, Shrimps und Calamaris!
Nicht, dass ich das Zeug gegessen hätte, aber es war einfach nur herrlich zu sehen, wie so ein paar Leute sich voller Freude über einen leeren Tisch hinsetzen (die anderen Restaurants sind überfüllt mit laut schreienden Amerikanern, die ihr orthodoxes Judentum entdeckt haben und es natürlich gleich übertreiben müssen), die Karte lesen und dann entsetzt aufspringen und fluchtartig die Restauration verlassen.
Man kann sich das Leben eben auch unnötig erschweren ;)
Wer sich das auch mal geben möchte, hier die Adresse:
Riff-Raff / ריף–רף
16 Yoel Solomon Street / יואל סולומון 16
Nahalat Shiva* / נחלת שבעה
(*Stadtteil gleich links der Yafo Street, wenn man aus Richtung Altstadt kommt)
In jedem Fall gilt: Jerusalem ist nicht Israel, genausowenig, wie Paris ein Beispiel für Frankreich ist oder New York für die USA. Im Rest des Landes ist man als Atheist vor der üblen Gefahr einer religiösen Überdosis und dummen Pilgergegrinse sicher ;)

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